Eine fundierte akademische Literaturübersicht (Literature Review) erfordert das systematische Verknüpfen und Gegenüberstellen von Erkenntnissen aus Dutzenden oder Hunderten von Fachaufsätzen, anstatt Publikationen isoliert nacheinander zusammenzufassen. In der Forschungsplattform Lateral bildet die Table View (Tabellenansicht) das Herzstück dieses Prozesses: Sie fungiert als interaktive Synthesematrix (Synthesis Matrix), in der hochgeladene wissenschaftliche Arbeiten die Zeilen bilden, frei definierbare thematische Analysekriterien – sogenannte Concepts – die Spalten darstellen und die Schnittzellen extrahierte Textpassagen (Snippets), persönliche Forschungsnotizen und qualitative Bewertungsmarkierungen aufnehmen.
Diese Anleitung erläutert, wie Forschende eine solche Matrix in Lateral aufbauen, mittels semantischer KI-Vorschläge und multivariater Suche mit Evidenzen füllen und die strukturierten Resultate für die Ausarbeitung des Textes sowie das Referenzmanagement exportieren.
1. Projektstruktur anlegen und wissenschaftliche Literatur importieren
Grundlage jeder Synthesematrix ist ein sauber strukturierter Dokumentenbestand. Lateral übernimmt die Dokumentenverarbeitung und Segmentierung auf Projektebene:
- Forschungsprojekt erstellen: Im zentralen Dashboard + New project wählen, einen aussagekräftigen Projekttitel (z. B. Dissertationsthema oder spezifische Review-Fragestellung) eingeben, eine Kennzeichnungsfarbe bestimmen und mit Create and launch project bestätigen.
- Fachliteratur einbinden:
- Direkter PDF-Upload: Heruntergeladene wissenschaftliche Publikationen per Drag & Drop in das Projektfenster ziehen. Lateral unterstützt standardmäßige wissenschaftliche PDFs und teilt sie im Hintergrund automatisch in absatzgroße, semantische Einheiten (Snippets) auf.
- Integrierte Literatursuche (Find Papers): Zugriff auf über 30 Millionen Open-Access-Publikationen über die integrierte Unpaywall-Schnittstelle. Forschende können Suchbegriffe mit booleschen Operatoren verfeinern, etwa Anführungszeichen für exakte Wortfolgen (
"systematic review"),ORfür Synonyme sowie das Minuszeichen-zum Ausschluss irrelevanter Themenbereiche. - OCR-Texterkennung: Bei älteren, gescannten Dokumenten ohne digitalen Textlayer lässt sich in der Document View unten links die Funktion Use OCR aktivieren, um Textpassagen durchsuchbar, markierbar und extrahierbar zu machen.
2. Konzeptdimensionen (Spalten der Matrix) definieren
Die Spalten einer Synthesematrix spiegeln die theoretischen Kriterien, methodischen Variablen oder inhaltlichen Dimensionen wider, entlang derer alle Studien vergleichend analysiert werden. In Lateral werden diese Kriterien als Concepts angelegt.
Typische Dimensionen für akademische Reviews
Je nach Disziplin und Zielsetzung empfiehlt sich die Anlage folgender Spalten:
- Forschungsfrage / Hypothese (Research Question / Hypothesis): Die zentrale wissenschaftliche Fragestellung der Autoren.
- Methodik & Untersuchungsdesign (Methodology & Design): Experimenteller Aufbau, qualitativer Interviewleitfaden, ökonometrisches Modell oder Stichprobenverfahren.
- Stichprobe & Datenbasis (Sample / Dataset): Stichprobengröße, soziodemografische Merkmale, Erhebungszeitraum und geografischer Kontext.
- Zentrale empirische Befunde (Key Empirical Findings): Statistische Signifikanzen, quantitative Kennzahlen und qualitative Kernaussagen.
- Theoretischer Rahmen (Theoretical Framework): Zugrunde gelegte Denkschulen oder theoretische Modelle.
- Grenzen & Forschungslücken (Limitations & Gaps): Von den Autoren eingeräumte methodische Limitationen und künftiger Forschungsbedarf.
Concepts in Lateral anlegen
Forschende können Concepts an drei Stellen im System erstellen:
- Kopfzeile der Table View: Über die Schaltflächen + oder Concepts direkt am oberen Tabellenrand.
- Seitenleiste der Document View: Während des Lesens eines konkreten Dokuments im Dropdown-Menü des rechten Bedienfelds.
- Ergebniskarten der Super Search: Relevante Suchergebnisse unmittelbar einem neu erstellten oder bestehenden Concept zuweisen.
Im Gegensatz zu statischen Schlagwort-Tags können Concepts in Lateral als vollständige, beschreibende Sätze formuliert werden (z. B. "Empirische Belege zur Zahlungsbereitschaft von Konsumenten für nachhaltige Verpackungen"). Das semantische Machine-Learning-Modell von Lateral nutzt diese Formulierung, um inhaltsverwandte Textpassagen quer durch alle Dokumente zu identifizieren.
3. Matrixzellen befüllen und Evidenzen extrahieren
Nachdem Zeilen (Dokumente) und Spalten (Concepts) stehen, geht es an das gezielte Befüllen der Schnittzellen. Lateral bietet dafür drei aufeinander abgestimmte Arbeitsweisen, die ein lineares, zeitraubendes Durchlesen überflüssig machen:
A. KI-gestützte Textvorschläge (Suggested Snippets)
Dies ist die zentrale Funktion zur Beschleunigung der Synthesearbeit. Die KI erfindet keine Texte, sondern scannt die Original-PDFs auf Passagen ab, die semantisch und thematisch am besten zum jeweiligen Concept passen:
- In der Table View auf eine leere Zelle am Schnittpunkt zwischen einem Dokument und einem Concept klicken. In der rechten Seitenleiste erscheinen sofort passende Textvorschläge (Suggested Snippets) aus diesem spezifischen Aufsatz.
- Ein Klick auf ein Snippet öffnet die Document View an der exakten Textstelle im Originaldokument, sodass der wissenschaftliche Kontext geprüft werden kann.
- Mit Save wird das Snippet fest in die Matrixzelle übernommen. Je mehr Snippets einem Concept zugeordnet werden, desto präziser erfasst das Modell die Kriterien des Forschenden und verfeinert die Trefferqualität für alle weiteren Arbeiten.
B. Dokumentenübergreifende Volltextsuche (Super Search)
Für die gezielte Suche nach Fachbegriffen, standardisierten Messskalen oder Eigennamen:
- Super Search aufrufen, um alle PDFs des Projekts simultan zu durchsuchen.
- Mit boolescher Logik (
AND,OR,-," ") die Treffermenge eingrenzen. - Den gewünschten Textabschnitt direkt über das Auswahlmenü der Trefferkarte dem passenden Concept zuweisen.
C. Manuelles Markieren in der Document View
Bei der vertieften Lektüre zentraler Schlüsseltexte:
- Den relevanten Textabschnitt im integrierten PDF-Betrachter markieren.
- In der rechten Seitenleiste dem passenden Concept zuordnen und speichern.
- Der Auszug wird unverzüglich in die korrespondierende Zelle der Table View übertragen.
D. Kritische Notizen und qualitative Flags ergänzen
Eine belastbare Synthese verlangt nach eigenständiger Einordnung durch den Forschenden:
- Notes (Notizen): Zu jeder Zelle oder jedem Snippet können eigene Anmerkungen verfasst werden, etwa methodische Schwachstellen, Abweichungen zu Vorstudien oder eigene Synthesegedanken. Diese Notizen bleiben beim Export lückenlos erhalten.
- Flags (Farbmarkierungen): Farbige Flaggen (Rot, Gelb, Grün) dienen der visuellen Einstufung von Studienqualität, methodischer Robustheit oder Relevanz für die Endauswahl.
4. Quervergleich und Identifikation von Forschungslücken
Mit fortschreitender Befüllung wandelt sich die Table View in eine strategische Übersicht des Forschungsstands:
- Horizontales Lesen (Studienprofil): Das Durchgehen einer einzelnen Zeile verdeutlicht die methodische und argumentative Kohärenz einer bestimmten Publikation von der Fragestellung bis zu den Grenzen.
- Vertikales Vergleichen (Querschnittsanalyse): Das Betrachten einer einzelnen Spalte stellt die methodischen Ansätze oder Ergebnisse aller untersuchten Studien unmittelbar gegenüber. Diskrepanzen, übereinstimmende Befunde und theoretische Kontroversen treten klar zutage.
- Analyse leerer Zellen (Forschungslücken): Unbesetzte Zellen zeigen auf einen Blick blinde Flecken der Forschung auf (Research Gaps). Wurden bestimmte Variablen in früheren Untersuchungen vernachlässigt oder fehlt es in Teilbereichen an empirischer Evidenz, liefert dies die wissenschaftliche Begründung für die eigene Forschungsarbeit.
5. Export der Synthesematrix und wissenschaftliche Weiterverarbeitung
Ist die Matrix vollständig aufgebaut, ermöglicht die Schaltfläche Export am oberen rechten Rand des Projekts den Transfer der strukturierten Daten in verschiedene Weiterverarbeitungsformate:
1. Export nach Microsoft Word (.docx)
Optimiert für die direkte Niederschrift von Textabschnitten der Literaturübersicht:
- Strukturiert das Dokument hierarchisch nach den einzelnen Concepts.
- Führt unter jedem Konzept alle gesammelten Text-Snippets samt Zitationsnachweis und den persönlichen Forschernotizen (Notes) auf.
- Erstellt am Ende des Word-Dokuments automatisch ein vollständiges Literaturverzeichnis (Bibliography).
- Forschende können die gesammelten Zitate und Notizen unmittelbar in wissenschaftlichen Fließtext überführen.
2. Export nach Excel (.xlsx)
Hervorragend geeignet für strukturierte Backups und Betreuungsgespräche:
- Erhält die vollständige zweidimensionale Matrixstruktur (Dokumente als Zeilen × Konzepte als Spalten).
- Hält Textauszüge, Zitationsverweise und Notizen sauber getrennt in Tabellenzellen fest.
- Bietet eine transparente Arbeitsgrundlage für Abstimmungen mit Erstprüfern oder Co-Autoren.
3. Export als CSV-Datei
Ideal für die Überführung in persönliche Wissensmanagementsysteme:
- Direkter Import in Datenbanken von Notion, Airtable oder Obsidian.
- Erlaubt das flexible Filtern, Gruppieren in Kanban-Boards oder die zeitliche Einordnung in Roadmaps.
4. Referenzen nach BibTeX (.bib) exportieren
Vor dem Export empfiehlt es sich, die automatisch erfassten bibliografischen Metadaten (Autoren, Erscheinungsjahr, Titel, DOI) durch Anklicken des Dokumentennamens in der Table View zu prüfen und bei Bedarf zu korrigieren. Anschließend:
- Im Exportmenü Export to BibTeX (.bib) wählen.
- Die erzeugte
.bib-Datei in Literaturverwaltungsprogramme wie Zotero oder Mendeley importieren, um Zitationsschlüssel in LaTeX, Overleaf oder Word synchron zu halten.
5. Freigabe über öffentlichen Tabellenlink (Public Table)
Wenn Gutachter oder Projektpartner den aktuellen Stand der Matrix einsehen sollen, ohne ein Benutzerkonto anlegen oder Dokumente herunterladen zu müssen:
- In der Table View oben rechts auf Share project klicken.
- Den Schalter Public access aktivieren.
- Den generierten Link kopieren und weitergeben. Empfänger können die Tabellenansicht mit Dokumentenliste und Zellergebnissen interaktiv im Browser betrachten. Der Zugriff auf die eigentlichen Volltext-PDFs und die interne Suchfunktion bleibt dabei aus Datenschutz- und Urheberrechtsgründen gesperrt.
6. Plattformstatus und Empfehlungen für aktuelle Workflows
Wissenschaftler, die sich am Ansatz von Lateral orientieren, sollten berücksichtigen, dass Lateral.io den kommerziellen Betrieb am 26. Juni 2025 offiziell eingestellt hat (sunset). Das Gründerteam hat seine Aktivitäten auf neue Open-Source-Infrastrukturen für die Wissenschaft verlagert (coordination.network). Für Bestandskonten wurden Übergangsfristen zur Datensicherung gewährt.
Für Forschende, die heute eine quellenübergreifende Synthesematrix aufbauen möchten und keinen Zugriff auf Lateral haben, bieten sich folgende zeitgemäße Werkzeuge an:
- Elicit: Hervorragend geeignet für die automatisierte Extraktion strukturierter Kriterien aus mehreren Fachpublikationen in frei definierbare Tabellenspalten inklusive CSV-Export.
- Scholarcy: Zerlegt wissenschaftliche Aufsätze in strukturierte Zusammenfassungskarten und exportiert vergleichende Übersichten nach Excel und BibTeX.
- Kombinierter Best-Practice-Stack: Die Kombination aus Literaturrecherche über ResearchRabbit oder Semantic Scholar, Literaturverwaltung in Zotero und dem Führen einer zweidimensionalen Synthesematrix in Notion Database oder Excel bildet die methodischen Vorzüge der Table View von Lateral zuverlässig ab.